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Masterseminar zur Analyse dschihadistischer Online-Propaganda an der Universität Siegen

Im Wintersemester 2016/2017 wird in Kooperation mit dem Projekt „Dschihadismus im Internet“ das Medienwissenschaftliche Seminar der Universität Siegen eine Lehrforschungsveranstaltung für Studierende des Masterstudiums unter Leitung von Dr. Bernd Zywietz anbieten. Nachfolgend einige Veranstaltungsinformationen dazu:

 

Dschihadistische Online-Propaganda: Inhalte, Gestaltung und Möglichkeiten der wissenschaftlichen Erforschung

Nicht erst seit den Anschlägen von Paris, Brüssel, Orlando, Würzburg oder Ansbach ist die Online-Propaganda v.a. in Form von Videos des sog. „Islamischen Staats“ (IS) drängendes Problem für Bildungs- und Präventionsarbeit, für Politik, Medien und Gesellschaft insgesamt. Entsprechend besteht enormer Bedarf an wissenschaftlichen Erkenntnissen, was die konkrete Materialien, ihre Wirkung und Verfasstheit anbelangt.

Für MedienwissenschaftlerInnen ist das Thema bei aller Brisanz und Unerfreulichkeit der Inhalte neben der aktuellen Relevanz interessant, bildet es doch einen Schnittpunkt vieler fachlicher Bereiche, darunter Medienethik, Medienpädagogik, Wirkungs- und Rezeptionsforschung, aber auch der Medienästhetik und Inhaltsanalyse. So erregt die IS-Propaganda vor allem Aufmerksamkeit durch Rückgriffe auf populäre Gestaltungsweisen unterschiedlicher Medienformate und Gattungen – vom News-TV über „Hollywood“-Blockbuster bis Musik- und Werbeclips. Was wiederum Aneignungsformen der Propaganda in Sozialen Netzwerken anbelangt, können für die affirmativen wie oppositionellen Äußerungen, teilweise selbst in Bild- und Videoform, Ansätze der Fanforschung und Cultural Studies ebenso fruchtbar gemacht werden wie der der „Netnography“.

Hier setzt das Seminar an. Es ist konzipiert als Kooperationsveranstaltung des Lehrstuhls für Medienästhetik des Medienwissenschaftlichen Seminars der Universität Siegen (Prof. Matussek) und dem Projekt „Dschihadismus im Internet“ des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien (ifeas) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (mehr dazu HIER).

Nach einer Einführung in die Geschichte und Theorie der Propaganda, möglicher analyseleitender Felder wie das der Film- bzw. Medienrhetorik sowie speziell in den Bereich der IS-Online-Propaganda gilt es, gemeinsam einen speziell medienästhetischen Untersuchungsrahmen zu entwickeln und diesen in erste Analysen zu testen. Zentraler Punkt ist die Gestaltung von IS-Videos, doch auch andere Themen und Medienkommunikate können behandelt werden (z.B. das englischsprachige PDF-Magazin „Dabiq“ oder spezifische Online-Kommunikationssituationen in Sozialen Netzwerken). Zur Anwendung sollen Techniken und Methoden kommen, die es erlauben, Videos kollaborativ unter medienästhetischen und speziell filmwissenschaftlichen Gesichtspunkten zu analysieren – dies etwa unter Einsatz von Videoannotationssoftware und des am Lehrstuhl für Medienästhetik entwickelten Arbeitsumgebung CREATE 2.0.

Von den TeilnehmerInnen des Seminars wird ein hohes Maß an Flexibilität, Engagement und Eigeninitiative bzw. Verantwortlichkeit über die zweiwöchentlich stattfindenden Seminarsitzungen (4-stündig; Beginn 24. Oktober) hinaus vorausgesetzt. Dies vor allem, weil es um das Mitwirken und auch Mitgestalten einer im Aufbau begriffenen Forschungsunternehmung geht. Die Ergebnisse, die einzeln oder in Kleingruppenarbeit neben der praktische Analysearbeit erstellt werden, sollen nicht nur als Hausarbeit im Sinne eines Leistungsnachweises verstanden werden: Sie sollen idealerweise dazu dienen und mithin geeignet sein, veröffentlicht zu werden, um zum (nicht nur akademischen) Themendiskurs beizutragen. Eine entsprechende Publikation in Digital- (etwa an dieser Stelle) oder in Printform ist angedacht.

Aus diesem Grund wird um eine regelmäßige Anwesenheit gebeten, zumal die Sichtungen und der gemeinsame Austausch von großer Bedeutung sind. Auf klassische Teilnahmeleistungen wie Referate o.Ä. wird zugunsten aktiver Diskussionen, der – auch spontanen – Darlegung von Forschungsständen oder Einschätzungs- und Meinungsbeiträgen, sowie der fortlaufenden Analysearbeit verzichtet.

 

Besonderer Hinweis:

Es liegt in der „Natur“ des Untersuchungsgegenstands (eben der IS-Propaganda), dass die TeilnehmerInnen mit extremistischem Gedankengut und angedeuteten oder expliziten Gewaltszenen konfrontiert werden. So machen etwa Hinrichtungsszenen zwar nur einen kleinen Teil des visuellen und audiovisuellen Materials aus, finden sich aber auch in anderen Propaganda-„Genres“ als gezielte einzelne Schockmomente oder -bilder wieder. Die Begegnung damit ist im Rahmen eines solchen Seminars leider nicht gänzlich zu vermeiden und kann sehr belastend, gar verstörend wirken. Das Problem selbst und der mögliche Umgang damit werden im Seminar thematisiert. Ob potenzielle TeilnehmerInnen sich jedoch überhaupt damit befassen können und wollen, müssen sie allerdings für sich selbst entscheiden.

Diesbezüglich, aber auch falls generell Interesse besteht, sie sich aber nicht sicher sind, ob Thema und Konzept des Seminars für sie geeignet sind, können Studierende vor einer Anmeldung gerne einen telefonischen Gesprächstermin mit dem Veranstaltungsleiter Dr. Bernd Zywietz (bevorzugt per Mail über: zywietzb(at)uni-mainz.de) vereinbaren.

 

Weitere Informationen werden in der ersten Sitzung bekanntgegeben.

 

Veranstaltungstermine: montags, ab 24.10.2016, 14.00 - 18.00 Uhr c.t. (vierstündig)

Seminar für Medienwissenschaft, Philosophische Fakultät, Universität Siegen

Adolph-Reichwein-Str. 2, 57076 Siegen.

 

 

Literatur (Auswahl):

Bussemer, Thymian (2005): Propaganda. Konzepte und Theorien. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

El Difraoui, Asiem (2012): Jihad.de. Jihadistische Online-Propaganda: Empfehlungen für Gegenmaßnahmen in Deutschland. Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik. Online HIER.

Joost, Gesche (2008): Bild-Sprache. Die audio-visuelle Rhetorik des Films. Bielefeld: Transcript.

Neumann, Peter R. (2015): Die neuen Dschihadisten. IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus. Berlin: Econ.

Rieger, Diana / Frischlich, Lena / Bente, Gary (2013): Propaganda 2.0 – Psychological Effects of Right-Wing and Islamic Extremist Internet Videos. Reihe Polizei + Forschung. München: Luchterhand. Online verfügbar HIER.

Said, Behnam T. (2015): Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden. (4. Aufl.). München: C.H. Beck

Winter, Charlie (2015a): The Virtual ‘Caliphate’: Understanding Islamic State’s Propaganda Strategy. London: Quilliam Foundation. Online HIER:

Winter, Charlie (2015b): Documenting the Virtual ‘Caliphate. London: Quilliam Foundation. Online HIER.

Zywietz, Bernd (2015): Islamistische Videopropaganda und die Relevanz ihrer Ästhetik. In: Die Kriminalpolizei, Nr. 3 (2015), S. 12–16. Online HIER.

 

 

 

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Keine visuelle Terror- und Amokwerbung in Zeitungen: Selbstbeschränkung, "Werther-Effekt" und mediale "Ansteckung"

(Dieser Beitrag ist in längerer Fassung veröffentlicht worden auf dem Blog Terrorismus & Film.)

Arthur Rutishauser, Chefredakteur der Tages-Anzeiger, verkündete Sache am Freitag, dem 29. Juli 2016: Ab sofort werden keine Bilder mehr von Attentätern und Amokläufern in seinem Blatt präsentiert, weder in den Print-Ausgaben, noch online. Die überregionale Tageszeitung aus Zürich habe, so Rutishauser, intern ihre ohnehin bereits zurückhaltende Praxis angesichts der Anschläge und Attacken von Nizza, Würzburg, München und Ansbach auf den Prüfstand gestellt und entschieden, dass diese nicht mehr genüge.

Die Medien tragen [...] eine spezielle Verantwortung. Wir haben einen Informationsauftrag und müssen auch über schwere Gewalttaten berichten, die Hintergründe ausleuchten und Zusammenhänge aufzeigen. Gleichzeitig müssen wir uns mit den möglichen Folgen der Berichterstattung auseinandersetzen. Wir müssen aufpassen, den Attentätern und deren Propaganda keine Bühne zu geben und damit womöglich Nachahmer zu animieren.
Untersuchungen zeigen, dass Nachahmungseffekte bei Massentötungen wie Selbstmordanschlägen, Amokläufen und Terroranschlägen tatsächlich existieren. Psychologen bestätigen die Befunde“
so Rutishauser in der Erklärung.

Die französische Zeitung Le Monde, auf die er verwies, hatte einige Tage zuvor schon in einem Leitartikel ihres Chefredakteurs Jérôme Fenoglio mit dem Titel „Résister à la stratégie de la haine“ („Der Strategie des Hasses widerstehen“) gleiches für sich beschlossen. Zudem wird die als linksliberal geltende überregionale Tageszeitung aus Paris darauf verzichten, Bilder aus Propagandamaterialien des „Islamischen Staats“ zu präsentieren. Keine Selbstverständlichkeit.

In einer Meldung über diesen Schritt schrieb am 27. Juli die Süddeutsche Zeitung (auf SZ.de):
In Frankreich und in anderen Ländern wird derzeit intensiv darüber debattiert, wie sich Medien angesichts der häufigen Terroranschläge verhalten sollen. [...] Die Kernfrage ist, ob Medien mit intensiver Berichterstattung zu derartigen Taten beitragen. In Bezug auf den Amoklauf von München wird einigen Medien außerdem vorgeworfen, zur Verbreitung von Gerüchten beigetragen zu haben.

Die Zeit setzte ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 32 / 2016 vom 28. Juli) dahingehend ebenfalls ein Zeichen. Die Hamburger Wochenzeitung verzichtete zwar nicht auf Fotos von Tätern, Tatorten und Opfern, bildete diese aber demonstrativ in extremer Unschärfe ab (s. Abbildung).

Die Zeit (Ausschnitt_28_ Juli, S_ 13)
Ausschnitt aus Die Zeit (32/2016, S. 13)

Die Begründung dazu lautete:
Wir haben uns dazu entschlossen, die Bilder der Täter, der Waffen und der Tatorte unkenntlich zu machen. Wir wollen nicht dazu beitragen, dass Mörder zu Helden stilisiert werden – und dass ihr Kalkül aufgeht: durch Grausamkeit berühmt zu werden. Dass Medien blutige Bilder verbreiten, gehört zum Plan der Täter. Ihm wollen wir nicht folgen.“ (S. 13)

Im Zeit-Beitrag „Warum es nicht aufhört?“ ist jedenfalls vom „Werther-Effekt“ die Rede. Diesen Aspekt der Medienwirkung, speziell der Imitation, führt ja auch Rutishauser ins Feld (s.o.). Die Bezeichnung „Werther-Effekt“ geht auf Johann Wolfgang Goethes berühmten und seinerzeit sehr populären Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (erstveröffentlicht 1774 noch mit Genitiv-"S") zurück, in dem sich der Titelheld aus unglücklicher Liebe selbst tötet. Vor allem aber verweist der Terminus auf die Nachahmungstaten in Folge der Romanlektüre. Wie Micheal Kunczik und Astrid Zipfel in ihrem Buch „Gewalt und Medien“ [1] schreiben, folgte tatsächlich ein Verbot des Buches in einigen Ländern (vgl. Kunczik/Zipfel 2005, S. 30). Dies ganz im Sinne u.a. des Göttinger Medizinprofessors Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822), denn im „Werther“ sah Osiander Selbstmord „als eine Heldenthat oder eine Handlung eines großen Genies dargestellt“ (zit. n. ebd., S. 31). Im Sinne dieser Suggestionsthese wurden auch in verschiedenen Studien in den letzten vierzig Jahren Belege für solche Imitationseffekte nach Berichten über sowie (u.a. fiktionalen) Darstellungen von Selbstmorden gefunden (vgl. ebd., S. 94 ff.). Als Faktoren für Nachahmungswirkungen gelten – wenn auch von Kunczik und Zipfel nicht unkritisch betrachtet – u.a.:

- der Publizitätsgrad (die Berichterstattungsintensität)
- die Eigenschaften der Rezipienten (Jüngere sind mehr gefährdet als Ältere) sowie
- die Ähnlichkeit zwischen Vorbild und Nachahmer
- die Art des dargestellten Verhaltens (reales Handeln wird wohl eher nachgeahmt als fiktives)
- die Darstellung der Konsequenzen (etwa als positiv u. heroisierend)
(vgl. ebd., S. 101)

Was den letzten Punkt, die Präsentation der Folgen, betrifft kann allerdings von einem Unterschied zwischen einem Selbstmord, der sich nur gegen das eigene Leben wendet, und der Selbsttötung am Ende eines Amoklaufs oder einem gezielt bzw. potenziell suizidalen Terrorakt angenommen werden. Bei den beiden letztgenannten Gewaltaktionen spielen weniger die Werthaltungen und Reaktionen in der Öffentlichkeit und in den Massenmedien eine Rolle, weil es alternative konträre Sichtweisen und entsprechende Abrgenzungsgemeinschaften gibt, mit denen sich die Täter identifizieren: die teils fast kultische Verehrung von Amoktätern im Internet [2] oder die Welt- oder zumindest Konfliktwahrnehmung von Terroristen samt demonstrativer Märtyer-Verehrung, die einen gewissen Ruhm auch „lone actors“ verheißt. Insofern es um Rache, Schrecken und Verstörung geht, können negative Reaktionen in Presse und Rundfunk also eher ganz im Sinne potenzieller anti- (oder alternativ-)sozialer Nachahmer sein.

Was denn auch Terrorismus selbst betrifft, ist weniger der „Werther-Effekt“ als Begriff geläufig, sondern jener der „contagion“. Auch wenn die Vorstellung von massenmedialer „Ansteckung“ sich nicht auf das Feld politischer Gewalt beschränkt und für manche eher behauptet denn belegt erscheint, ist die Annahme eines solchen Effekts scheinbar „commonsensical and [...] indeed supported by anecdotal accounts as well as more systematic research“ (Nacos 2009, S. 4 [3]). Zu letzterer gehört die schon in den 1980er Jahren beginnende Forschung Gabriel Weimanns [4], Professor der Kommunikationswissenschaft an der Universität Haifa.

Brigitte L. Nacos, Politologin an der Columbia Universität, macht in ihrem Übersichtsbeitrag in Perspectives on Terrorism dahingehend eine wichtige Unterscheidung: die zwischen taktischer und inspiratorischer Ansteckung.

Ersteres zielt auf konkretes terroristisches Vorgehen ab, das v.a. bei Erfolg als Vorbild dient, beispielsweise die Botschaftsbesetzungen in den 1970er-Jahren (vgl. ebd., S. 7 – mit Bezug auf Brian Jenkins). „Inspirational contagion“, sei, so Nacos, allerdings, für die „Ziele“ der Terroristen alarmierender, denn „it is the stuff that makes terrorists tick“ und führe zur Bildung von neuen Organisationen und Zellen (ebd., S. 9). Der Schockwert der Bilder der Enthauptung Nicolas Bergs 2004 oder die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh im selben Jahr finden freilich ihren inspirativen Wut- und Empörungs-Gegenpart in der gelben und orangefarbenen Kluft der IS-Hinrichtungsopfer, die der der Guantanamo-Häftlinge nachempfunden ist, wie sie eben über die Massenmedien ebenso weltweit zirkulierten.

Nacos schloss 2009 jedenfalls:
„In conclusion, when it comes to international and domestic terrorism, various kinds of media figure quite prominently in both tactical and inspirational contagion. While the Internet has moved center-stage in this respect during the last decade, the targets of terrorism have not been able to effectively counter the mass-mediated virus of this form of political violence“ (ebd., S. 11).

Für die aktuelle Welle der Einzeltäterattentate dürfte dies auch gelten.

Können Zeitungen wie Le Monde und der Tages-Anzeiger mit ihrer Verweigerung oder die Zeit mit ihrer selbstreflexiven performativen Verfremdung tatsächlich dagegenwirken?

Rutishauser:
„Wir sind uns bewusst, dass unser Einfluss hier sehr begrenzt ist. Wenn der «Tages-Anzeiger» auf Bilder und Videos von Tätern verzichtet, verschwinden diese nicht einfach. Sie werden weiterhin tausendfach im Netz zu sehen sein. Wo es uns aber möglich ist, wollen wir unsere publizistische Verantwortung wahrnehmen.“

Bernd Zywietz

 

[1] Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid (2006): Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch. 5., überarb. Aufl. Köln u.a.O.: Böhlau.

[2] siehe dazu u.a.: Paton, Nathalie (2012): Media Participation of School Shooters and their Fans: Navigating between Imitation and Distinction to Achieve Individuation. In: Glenn W. Muschert / Johanna Sumiala (Hg.): School Shootings: Mediatized Violence in a Global Age. Bingley: Emerald Publishing House, S. 81-103.

[3] Nacos, L. Brigitte (2009): Revisiting the Contagion Hypothesis: Terrorism, News Coverage, and Copycat Attacks. In: Perspectives on Terrorism, 3. Jg., Nr. 3, S. 3-13. Online unter: http://terrorismanalysts.com/pt/index.php/pot/article/view/73/150

[4] siehe z.B.: Weimann, Gabriel (1983): The Theater of Terror: The Effects of Press Coverage. In: Journal of Communication, 1. Jg., Nr. 1, S. 38-45;
Brosius, Hans-Bernd / Weimann, Gabriel (1991): The Contagiousness of Mass-Mediated Terrorism. In: European Journal of Communication, 6. Jg., Nr. 1, S. 67-75.

Zentrale Medienstellen des "Islamischen Staats" nach dessen Angaben

Anfang Juli 2016 veröffentlichte der "Islamische Staat" ein Video mit dem Titel "The Structure of the Caliphate". Der rund fünfzehnminütige Film liefert in ornamentalen animierten Infografiken einen Einblick in die Organisationsstruktur des "Kalifats". Dabei werden auch die Abteilungen im Bereich des sog. Medienministeriums ("Diwan of Media") aufgeführt.

Aus einem Screenshot habe ich mit Unterstützung von Dr. Christoph Günther nachfolgende Übersicht mit Erläuterungen erstellt. Sie finden sie in höherer Auflösung als PDF-Datei HIER.

Propagandastellen des IS_gem. Propagandavideo

Anzumerken ist dabei, dass die mit dem IS assoziierte Nachrichtenagentur "Amaq News", die offizielle Verlautbarungen etwa zu terroristischen Anschlägen verbreitet, hier nicht aufgeführt ist (vgl. dazu auch den Blog-Eintrag von Aymenn Jawad Al-Tamimi zu dem Video). Dies kann bedeuten, dass Amaq nur als "auxiliary agency" verstanden wird, also quasi als eine nahestehende Hilfsstelle, wie Al-Tamimi es beschreibt. Möglich ist aber auch die taktische Überlegung, durch eine gewisse Distanz "Amaq News" als Informationsquelle neutraler und eigenständiger erscheinen zu lassen.

Weiterhin fällt auf, dass eine wichtige Mediaabeilung - Al-I'tisam Media Foundation - fehlt. Sie wird von Experten, etwa von Charlie Winter (Documenting the Virtual Caliphate, Quilliam Foundation, 2016, s. HIER) als zentrale Stelle angeführt. Mehrere Gründe dafür, dass Al-I'tisam nicht genannt wird, sind denkbar: Einer davon ist ein Bedeutungsverlust oder gar die Auflösung dieser Einheit. Ein anderer ist, dass Al-I'tisam schlichtweg organisatorisch nicht zum Medien-Diwan gehört, sondern auf höherer Verwaltungs- bzw. Regierungsebene anzusiedeln ist; eventuell gar dem "Kalifen" Abu Bakr al-Baghdadi direkt untersteht.  

 

Bernd Zywietz